KSTA: Feld von Spargelbauer Dirk Janßen zum zweiten Mal von Dieben geplündert
Seine Gefühlslage könne er kaum beschreiben, sagt Spargelbauer Dirk Janßen. „Das geht von Wut über Ratlosigkeit und Enttäuschung bis hin zur Angst, dassdas jetzt immer weiter so geht.“ Vor zweieinhalb Wochen haben Diebe über Nacht eines seiner Felder abgeerntet. Einen ganzen Hektar grüner Spargel, der über der Erde wächst. Mehr als 250 Kilogramm wurden gestohlen, der Schaden betrug mindestens 2500 Euro. „Und letzte Nacht waren die doch tatsächlich wieder hier“, berichtete Janßen dem „KölnerStadt-Anzeiger“ am vergangenen Wochenende.
„Der Diebstahl von angebautem Gemüse oder Obst ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat“, sagte Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) bereits nach dem ersten Spargel-Raub.Der Fall zeige, „dass Täter offensichtlich immer dreister vorgehen und nicht davor zurückschrecken, unseren Landwirtinnen und Landwirten erheblichen Schaden zuzufügen“.
Gestohlen wird, was ungeschützt wächst. In Baden-Württemberg etwa wurden umfangreiche Fälle mit Pflaumen, Mirabellen, Brombeeren oder Weinblättern bekannt. Sogar 1700 Artischocken-Blütenstände im Wertvon 10.000 Euro haben Unbekannte mitgenommen.„Dabei geht es nicht nur um das Erntegut“, sagt Padraig Elsner vom Landwirtschaftlichen Hauptverband. In Lörrach beispielsweise, wo über Nacht in einem Forschungsgarten sämtliche 200 Bäume geplündert und 400 Kilo Äpfel von besonderen Arten verschwanden, sei ein „bemerkenswertes Forschungsprojekt sabotiert“ worden: „Es zeigt, dass die Diebe, egal im Kleinen oder im Großen, nicht darüber nachdenken, was sie anrichten.“
Der Diebstahl von Obst und Gemüse ist beileibe kein neues Phänomen. Auch Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, hat da so seine Erfahrungen gemacht. Zigmal habe er Leute beim Klauen von Kohl, Trauben oder anderen Lebensmitteln erwischt, hat erschon vor geraumer Zeit auf „X“ geschrieben. „Einer hielt zwei Rotkohlköpfe in den Händen und behauptete, dass er nicht geklaut hat“, ergänzte er.
Wer ähnliche Szenarien im Großraum Köln sucht, muss nicht weit fahren. „Ich höre so etwas regelmäßig von meinen Kollegen, egal was sie anbauen – das ist fast schon zu unserem traurigen Alltag geworden“, sagt Georg Bökels, einer von rund 600 Obstbauern in NRW. „Die Mengen, die heutzutage teilweise gestohlen werden, gehen deutlich über den eigenen Bedarf hinaus“, sagt Bökels, der auch Präsident des Provinzialverbandes Rheinischer Obst- und Gemüsebauern ist. „Da kommen Leute mit ihren Autos,um den Kofferraum vollzupacken.“ Auch auf seinen Wiesen kam schon Kahlschlag vor. „Als ich nach einer Wochenendreise zurückgekommen bin, fehlten auf einem Gelände etwa drei Tonnen Kirschen, da hing keine einzige Frucht mehr.“
Oder als er eine neue Apfelsorte gepflanzt habe. „Am Morgen des fünften Tages fehlten plötzlich 100 Bäume“, erzählt der 64-Jährige. Existenzbedrohend sei „dies alles glücklicherweise“ noch nicht: „Aber es hat teilweise Ausmaße angenommen, die schon weh tun.“
Früher sprach man von Mundraub, wenn jemand kleine Mengen an Nahrungsmitteln stahl. Der Straftatbestand jedoch wurde 1975 abgeschafft. Heute wird das Delikt als Diebstahl gewertet – also zumindest rein juristisch strenger geahndet. Diebstahl kann mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahrenbestraft werden. Die Praxis sieht allerdings meist weniger harsch aus. Werden nur geringe Mengen im Wert weniger Euro vom Feld geklaut, betrachten die Justizbehörden das meist als „Diebstahl geringwertiger Sachen“. Diesen Fällen gehen Polizei und Staatsanwalt in der Regel nur dann nach, wenn eine Strafanzeige vorliegt.
Und wenn eingezäunt werde, helfe das oft auch nicht.„Da kommen teilweise Eltern mit ihren Kindern, klettern über den Zaun, zeigen ihnen, wie’s gemacht wird - und vermitteln damit, es sei nicht schlimm, anderen etwas wegzunehmen“, sagt der Landwirt, während seine Miene immer ernster wird. „Das ist das Problem, dass der Respekt vor unserer Arbeit fehlt und dass diese Respektlosigkeit immer größer zu werden scheint.“
Manchmal wenigstens gibt es ein kleines Licht amTunnelende. Johannes Nagelschmitz steht auf seinem Hof im rheinischen Bedburg und kann sich ein Grinsennicht verkneifen. Seit drei Jahren wurde auf einem seiner Felder immer wieder Spargel gestohlen. „Von Jahr zu Jahr wurde die Menge immer größer“, erzählt er. In diesem Jahr seien zu Beginn der Erntesaison zehn Stellen in einer Länge von bis zu 15 Metern durchwühlt worden. „Das war ein Schaden von 6000 Euro, weil die Dämme nicht mehr wiederherzustellen waren und auch kein weiterer Spargel nachkommen konnte.“ Nagelschmitz hat deshalb zahlreiche Wildkameras im Feld versteckt, die auch funken können. Zunächst gab es einige Fehlalarme. Dann aber, vor zwei Wochen, kam mitten in der Nacht ein Foto, auf dem eine Gestalt zusehen war. Der 48-jährige Landwirt informierte die Polizei und fuhr auch selbst zu dem zehn Kilometer entfernten Gelände.
„Und Treffer“, sagt Nagelschmitz. Der Spargeldieb konnte von den Beamten gestellt werden. „Jetzt läuft die Strafanzeige“, ergänzt der Landwirt, dessen Familien den Hof in vierter Generation betreibt: „Wir kümmern uns das ganze Jahr um die Pflanzen. Da müssen die Leute lernen, dass sie das nicht einfach so zerstören dürfen.“
Quelle: Kölner Stadtanzeiger (KSTA)
